Sonntag, der 1. Mai 2005
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Pfr. i. R. Friedhelm Theiling
über: Johannes 16, 23-28+33

Bielefeld, am 25.05.2003 (Neustädter Marienkirche)
Rogate

Lieber Gemeinde,

Abschiedsstimmung über Jerusalem zwischen Ostern und Christi Himmelfahrt. Letzte Ermahnungen, letzte Anweisungen, letzte nüchterne und ermutigende Worte: "Zum Abschied gebe ich euch meinen Frieden", sagt Jesus seinen Jüngern, "erschreckt nicht, lasst euch nicht von der Angst erdrücken und überwältigen. Ich gehe zum Vater. Viel kann ich nicht mehr mit euch reden. Aber was ich euch sage, soll euch auf die kommende Situation vorbereiten, damit euer Glaube fest bleibt. Wir bleiben miteinander verbunden. Bleibt in mir, so wie ich in euch bleibe, so eng verbunden, wie die Rebe mit dem Weinstock verbunden bleibt, um Frucht zu bringen. Ihr werdet mich bald nicht mehr sehen, aber meine Worte bleiben bei euch und werden in euch lebendig sein. Ohne mich könnt ihr nichts Gutes tun. Ihr sollt einander so lieben, wie ich euch geliebt habe. Ihr seid und bleibt meine Freunde, wenn ihr meine Worte befolgt. Ihr werdet zwar auch dem Hass der Welt ausgesetzt sein. Ihr werdet Angst haben und euch einsam fühlen. Ihr werdet traurig sein und euch an vieles, was ich euch gesagt habe, nicht mehr erinnern. Ihr werdet verfolgt werden, so wie sie mich auch verfolgt haben. So viel oder so wenig sie sich nach meinen Worten gerichtet haben, so viel oder so wenig werden sie sich auch nach euren Worten richten. Verlasst euch darauf: Ihr werdet nie ganz allein sein. Ich werde den Vater bitten, dass er euch den Tröster, den Heiligen Geist sendet. Der wird auch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Dann wird eure Traurigkeit in Freude verwandelt werden und diese Freude kann euch niemand nehmen."

"Amen, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er's euch geben. Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr nehmen, dass eure Freude vollkommen sei. ...Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen. Ich verlasse die Welt und gehe zum Vater. Die Stunde kommt, ja, sie ist schon da, dass man euch auseinander treiben wird. Jeder wird nur noch an sich denken und ihr werdet mich allein lassen. Aber ich bin nicht allein, denn der Vater ist bei mir. Ihr sollt in meinem Frieden geborgen sein. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden."

Letzte Ermahnungen, letzte Anweisungen, letzte nüchterne und ermutigende Worte des Abschieds, Worte für die Zeit ohne seine sichtbare Gegenwart, Worte für die Zukunft der Kirche.

"Ihr werdet euch immer wieder an meine Worte erinnern, ihr werdet diese vor der Welt bezeugen und euer Leben danach ausrichten.

Die Liebe wird unverkennbares Kennzeichen eures Lebens und eurer christlichen Identität sein. Angst wird euch - mehr als euch lieb ist - begleiten. Umso wichtiger ist es, den Kontakt zum Himmel durch das Gebet aufrecht zu erhalten."

So einfach ist das und doch so schwer.

Dr. Martin Luther sagte in einer Predigt, die er in seinem Hause am 10. Mai 1534, am 5. Sonntag nach Ostern, am Sonntag Rogate, gehalten hat:

"Unser lieber Herr Jesus Christus vermahnet in diesem Evangelio herzlich zum Gebet. Denn das ist nach dem Predigtamt der höchste Gottesdienst bei den Christen, dass man bete. ...Wo ein Christ in Angst, Sorge und Kummer, in Gefahr und Unglück ist, da ist kein andrer Trost noch Behelf, denn dass er sich an das Gebet halte und schreie zu Gott um Hülfe. ...Darum soll sich ein jeder Christ davor hüten, dass er mit dem Gebet nicht so lange warte, bis ihn dünkt, dass er gar rein und geschickt sei. Wie denn der Teufel mich sehr oft mit solchen Gedanken geplagt und gehindert hat, dass ich gedacht habe: du bist jetzt nicht geschickt, willst vorher dies oder das ausrichten, so kannst du darnach desto ruhiger beten. .....Der Teufel ist ein Schalk und schleicht uns immer nach, ob er uns jetzt mit diesem, bald mit anderm am Gebete hindern könnte. .....Bist du ein Christ oder willst du einer sein, so hüte dich vor einem solchen rohen Leben, bete zum wenigsten des Morgens, wenn du aufstehest, über und vom Tisch und des Abends wieder, wenn du zu Bette gehst und sprich: Vater unser, geheiligt werde dein Name e.c. Denn wir Christen sind schuldig, dass wir ohne Unterlass beten sollen; wo nicht mit dem Munde (wie wir denn nicht immer können), doch mit dem Herzen. .....Wer alle Noth nicht bedenken kann, der nehme nur das heilige Vater Unser vor sich. Das hat sieben Stücke, in welche alle Noth und alles Anliegen gefasst sind. .....So lockt uns unser lieber Herr Jesus Christus mit dieser Vermahnung auf das allerfreundlichste, dass wir solle lustig und willig sein zu beten. ...Diese zwei Stücke thun dem Teufel das Herzeleid an, wenn man also fleißig predigt und ernstlich betet. .....Und soll noch heutiges Tages etwas Gutes geschehen und das Böse gehindert werden, so muss es durchs Gebet geschehen. Darum schlagt ja nicht euer Gebet in den Wind, ob euch schon dünkt, ihr seid ungeschickt und unwürdig dazu. .....Darum will ich mich am Beten nicht hindern noch aufhalten lassen. Auf dass man also zum Teufel, welcher uns trägt und faul zum Gebet machen will, spreche: Hebe dich weg, Teufel! Ich will mich nicht hindern lassen; Christus, mein Herr, hat mich anders gelehrt, nämlich dass ich getrost soll beten in seinem Namen und glauben, dass mein Gebet erhört sei."

(Dr. Martin Luther's Evangelien-Predigten, auf alle Sonn- und Festtage im Kirchenjahr ausgewählt von Pfarrer Gustav Schlosser, 3. Auflage, Frankfurt a. M. 1884)

Damit ist eigentlich alles gesagt, was an diesem Sonntag Rogate gesagt werden kann und gesagt werden muss. Besser kann ich es auch nicht sagen. Ich könnte die Predigt jetzt mit 'Amen' schließen, was ja so viel heißt wie: Ja, so ist es! oder Ja, so soll es sein!

Lassen wir uns einen Augenblick Zeit zum Nachdenken. Der Bläserkreis spielt einen Satz von Felix Mendelssohn-Bartholdy über das Wochenlied, dessen Text Martin Luther gedichtet hat: "Vater unser im Himmelreich".

-- Bläserkreis (Satz zum Wochenlied "Vater unser im Himmelreich" von Johann Sebastian Bach.) --

"...und willst das Beten von uns han. Gib, dass nicht bet allein der Mund, hilf, dass es geh von Herzensgrund." Das Gebet - nach Martin Luther vor allem das Vater unser - bedeutet Kontaktpflege zum Himmel. "Wir Christen sind schuldig, dass wir ohne Unterlass beten sollen; wo nicht mit dem Munde (wie wir denn nicht immer können), doch mit dem Herzen."

Ungepflegte Beziehungen verkümmern und werden langweilig, das ist allgemeine menschliche Erfahrung. Das gilt auch für die Beziehung zu Gott. Sie braucht Pflege und das Gebet ist eine Form dieser Pflege. In jeder Beziehung zwischen Menschen muss viel besprochen werden, der Alltag muss organisiert, die Sorgen und Freuden wollen geteilt werden. Indem ich einen anderen an meinen Gedanken, meinen Gefühlen, auch meinen Enttäuschungen Anteil nehmen lasse, zeige ich, wie sehr ich ihn schätze und brauche, wie viel er mir wert ist. In unserer Beziehung zu Gott ist das ähnlich. "Das ist nach dem Predigtamt der höchste Gottesdienst bei den Christen, dass man bete. ...Wo ein Christ in Angst, Sorge und Kummer, in Gefahr und Unglück ist, da ist kein andrer Trost noch Behelf, denn dass er sich an das Gebet halte und schreie zu Gott um Hülfe."

Die Situation der Jünger Jesu und der weltweiten christlichen Kirche durch die Jahrhunderte hindurch ist genau die, auf die Jesus hinweist: Jesus, vom Vater gesandt, hat die Welt verlassen. Er ist in die Einheit Gottes zurückgekehrt. Die Verheißung des Geistes - Pfingsten - steht bevor mit einer großen Verheißung. "Der wird euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Er wird euch trösten, er wird euch die Augen öffnen für das, was wahr und verlässlich ist. Er ist der Geist der Wahrheit, er wird Christus verherrlichen. Er wird die Verbindung zum Himmel offen halten und Freude in euren Herzen entzünden. Er wird euch Mut machen, meine Zeugen in der Welt zu sein und das zu verkündigen und zu leben, was ich euch gesagt und vorgelebt habt. Auf eurer Seite wird es sein, diesen Kontakt zu halten, um in Angst und Traurigkeit, in Enttäuschung und Verfolgung nicht zu verzweifeln. In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost. Vor allem: Haltet an und haltet fest am Gebet!"

Es gibt Menschen, die sagen, sie hätten keine Angst. Keine Angst vor dem Leben und keine Angst vor dem Sterben. Sie übersehen, allerdings, dass sie anderen damit Angst machen.

Wenn wir das Leben ernst nehmen, brauchen wir uns vor der Angst nicht zu verstecken. Wir müssen uns vor ihr auch nicht fürchten, weil wir wissen, dass sie ein Teil dieser Welt ist. Keine Angst zu haben, sagt wenig über die Qualität eines Lebens, auch nicht über den Glauben eines Menschen, aus. Es sagt noch nicht einmal darüber etwas aus, ob hier ehrlich oder unehrlich geredet wird..

"In der Welt habt ihr Angst", vieles haben wir nicht im Griff und damit eben auch nicht sicher. Wir sind Teil einer Familie, die niemand letztlich steuern kann. Wir leben von einem Arbeitsmarkt, der beständig schwankt. Wir trinken und essen von einer Natur, die sich beginnt zu verweigern. Wir leben auf wackligen Fundamenten, und deshalb hat die Angst ihren festen Platz, sie sitzt im Nacken oder krampft sich im Bauch fest oder drückt im Kopf. Der Alltag gewährt uns keine Sicherheit, wenn Unerwartetes geschieht, bricht die Angst aus. Angst vor unheilbarer Krankheit und vor nicht zu bewältigenden Schmerzen, Angst vor dem Altwerden und der Hinfälligkeit des Alters, Angst, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein und im unerbittlichen Wettbewerb auf der Strecke zu bleiben.

Bert Brecht schreibt: "In unserem Lande dürfte es trübe Abende nicht geben, auch hohe Brücken über die Flüsse, selbst die Stunde zwischen nacht und Morgen und die ganze Winterzeit dazu, das ist gefährlich. Denn angesichts des Elends genügt ein Weniges und die Menschen werfen das unerträgliche Leben fort."

Jesu Antwort auf die Angst lautet nicht: Ihr braucht keine Angst zu haben. Zwei schlichte Worte, über die leicht und schnell hinweggelesen wird, stehen am Anfang: "Seid getrost!". Diese beiden Worte argumentieren nicht, sie beschwören nichts, sie versprechen nichts. Diese Worte fühlen sich an wie eine Hand, die uns streichelt, wie ein lauer Frühlingswind, der durch unseren Kopf weht.

"Ich habe die Welt überwunden!" Nicht das Blaue vom Himmel wird hier versprochen, nicht die Lösung aller Probleme, nicht ein Mittel gegen alle Schmerzen.

Es nimmt uns vielmehr hinein in einen größeren Zusammenhang, der unsere persönlichen Probleme ernst nimmt und uns eine besondere Würde verleiht, unsere Ängste und Sorgen auf der anderen Seite in eine Relation zu Größerem stellt.

"Ich habe die Welt überwunden!", das heißt für mich: "Ich habe nicht alle Probleme dieser Welt gelöst und lösen können, aber ich habe einen Weg gefunden, mich den Gesetzen und Gesetzmäßigkeiten dieser Welt nicht auszuliefern und zu unterwerfen.

So wird es auch euch gehen. Ihr werdet - auch nicht durch das Gebet - alle Probleme lösen, weder eure eigenen, noch die der anderen. Aber durch das Gebet öffnet sich für euch eine Dimension, die über diese Welt hinausgreift und die Verbindung zum Himmel aufrecht erhält."

Natürlich hat Luise Rinser recht, wenn sie fragt: "Wenn wir uns einmal überlegen, was wir denn da tun, wenn wir beten, so müssen wir staunen. Ist es nicht Torheit, ja Wahnsinn, ein Wesen anzusprechen, das wir nicht sehen, nicht hören, nicht greifen, nicht kennen und das nicht antwortet; von dem wir dennoch erwarten, ja fordern, dass es uns höre, erhöre, also kenne, von anderen unterscheide, für uns da sei, uns liebe?"

In ihrer Frage ist die Antwort bereits enthalten: Wir können nur staunen, wenn wir überlegen, was wir denn da tun, wenn wir beten.

"Darum will ich mich am Beten nicht hindern noch aufhalten lassen. .....Christus, mein Herr, hat mich ...gelehrt, nämlich dass ich getrost soll beten in seinem Namen und glauben, dass mein Gebet erhört sei."

Amen.

© Friedhelm Theiling 2003

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