Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)

Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA)
Semicarbazide FAQs
Häufig gestellte Fragen zu Semicarbazid

1. Warum evaluiert die EFSA die Sicherheit von Semicarbazid?

Die EFSA wurde im Juli von Seiten der Lebensmittelindustrie darüber in Kenntnis gesetzt, dass in bestimmten Lebensmitteln in Gläsern mit Metallverschlüssen mit Dichtungen aus Kunststoff (PVC) möglicherweise Semicarbazid vorkommt. Da über die Toxizität dieser Substanz noch keine ausreichenden Erkenntnisse vorliegen, wurde die EFSA ersucht, zur Bedeutung dieser Ergebnisse für die Gesundheit des Menschen Stellung zu nehmen.

2. Was ist Semicarbazid?

Semicarbazid (SEM) zählt zur Familie der Hydrazine, Chemikalien, von denen man weiß, dass sie bei Labortieren Krebs erregen. Semicarbazid wurde zwar noch nicht eingehender auf seine toxische Wirkung hin untersucht, ist möglicherweise aber auch genotoxisch (kann also die DNA, das genetische Material in Zellen, schädigen).

3. Wo wurde Semicarbazid gefunden?

Semicarbazid wurde vor kurzem in Materialien gefunden, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen und bei deren Herstellung Azodicarbonamid verwendet wird, eine Substanz, die seit über 20 Jahren bei der Herstellung von Kunststoffdichtungen für Verschlüsse von Gläsern zum Einsatz kommt. Ferner wurde es in Lebensmitteln nachgewiesen, die in Gläsern mit diesen Verschlüssen abgepackt waren.

4. Was ist Azodicarbonamid?

Azodicarbonamid (ADC) ist in der EU zur Verwendung als Treibmittel für Kunststoffe, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen, zugelassen. Treibmittel werden Polymeren während der Verarbeitung zugesetzt und bilden im Kunststoff winzige Gasbläschen. Das ist erforderlich, um eine gute Dichtwirkung des Kunststoffs zu erzielen. Diese Dichtungen, die in Metallverschlüssen von Gläsern zu finden sind, gewährleisten, dass die enthaltenen Lebensmittel nicht durch Staub, Insekten oder andere Fremdkörper verunreinigt werden und mikrobiologisch sicher sind.

5. Wie wurde SEM in Lebensmitteln entdeckt?

SEM wurde von einem Privatlabor bei einer im Auftrag von Lebensmittelherstellern durchgeführten routinemäßigen Analyse nachgewiesen.

6. In welchen Lebensmitteln wurde SEM gefunden?

Das Vorkommen von SEM ist nicht auf ein bestimmtes Lebensmittel, sondern zumeist auf eine bestimmte Art von Verpackung zurückzuführen, die weltweit verwendet wird. Dabei handelt es sich um Metallverschlüsse mit Dichtungen, die für eine Vielzahl von Produkten in Glasverpackungen verwendet werden, zum Beispiel: Fruchtsäfte, Konfitüren und Eingemachtes, Honig, Babynahrung, eingelegtes und eingemachtes Gemüse, Mayonnaise, Senf, Soßen und Ketchup.

7. Warum sind Dichtungen erforderlich?

Die Dichtungen gewährleisten, dass Metallverschlüsse von Glasbehältern luftdicht schließen. Die Dichtung schützt die Lebensmittel in dem Glas vor Verunreinigungen durch mikrobiologische Gefahren, Staub, Insekten oder andere Fremdkörper und gewährleistet damit die Qualität und Haltbarkeit der Lebensmittel im ungeöffneten Glas. Der „knackende“ Sicherheits-Vakuumverschluss bei Babynahrung gibt dem Verbraucher beispielsweise die Gewissheit, dass das Produkt steril ist und nicht manipuliert wurde.

8. Welche Mengen von SEM wurden in Lebensmitteln gefunden?

Zu den Lebensmitteln, in denen den Berichten zufolge SEM gefunden wurde, zählen Babynahrung, Fruchtsäfte, Konfitüren und Eingemachtes, Honig, Ketchup und Mayonnaise, eingelegtes und eingemachtes Gemüse sowie Soßen. In diesen Lebensmitteln wurde SEM in unterschiedlichen Mengen gefunden, die Werte reichten von nicht nachweisbar bis 25 ppb. Babynahrung soll die höchsten Konzentrationen aufweisen, was möglicherweise auf die relativ größere Dichtungsfläche im Verhältnis zur Lebensmittelmenge angesichts der geringen Packungsgröße dieser Lebensmittel zurückzuführen ist.

9. Ist SEM etwas Neues oder gibt es das schon länger?

SEM ist eine chemische Substanz, die Chemikern seit vielen Jahren bekannt ist. Azodicarbonamid, aus dem SEM entsteht, ist in der EU seit Jahrzehnten als Treibmittel zugelassen. Dass SEM in Lebensmitteln und Verpackungsmaterialien für Lebensmittel vorkommt, ist allerdings erst seit kurzem bekannt und wurde erst dank wissenschaftlicher Fortschritte und Verbesserungen der Analyseverfahren herausgefunden.

10. Was hat die EFSA bislang unternommen?

Nach der Informationen von Seiten der Industrie über diese Problematik im Juli, berief die EFSA für den 24. Juli 2003 eine Sitzung der Ad-Hoc-Sachverständigengruppe des Gremiums für Lebensmittelzusatzstoffe, Aromastoffe, Verarbeitungshilfsstoffe und Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen (AFC-Gremium) ein. Zu dieser Sitzung wurden Vertreter der Industrie eingeladen, die ihre Erkenntnisse über das mögliche Vorhandensein von Semicarbazid in Lebensmitteln präsentieren sollten. Zu jener Zeit war noch nicht geklärt, wie Semicarbazid in die Lebensmittel gelangt. Die Theorie lautete, dass möglicherweise bestimmte Chemikalien, die bei der Herstellung der Dichtungen zum Einsatz kommen, für das Vorhandensein von SEM in Lebensmitteln verantwortlich sind. Man hielt es aber ebenfalls für denkbar, dass das Vorkommen von Semicarbazid lediglich ein Artefakt des analytischen Verfahrens selbst sei. Das bedeutet, dass es erst durch die Untersuchung auf Semicarbazid entstanden sein könnte und daher normalerweise in Lebensmitteln nicht vorkommt.

Nach Prüfung der Informationen von Seiten der Industrie sowie anderer verfügbarer wissenschaftlicher Daten kam das AFC-Gremium zu dem Schluss, dass es angesichts der Ungewissheiten sowohl in Bezug auf die analytischen als auch toxikologischen Aspekte noch nicht möglich sei, eine wissenschaftlich fundierte Risikoeinschätzung zu Semicarbazid abzugeben. Dennoch wurde gemäß der Politik der EFSA für Offenheit und Transparenz eine vorläufige Empfehlung in Bezug auf das mögliche Vorkommen von Semicarbazid in Lebensmitteln verfasst und am 28. Juli 2003 veröffentlicht.

Zusätzlich zu den von der Industrie geplanten weiteren Untersuchungen rief die EFSA unverzüglich weitere Studien ins Leben, um die für das Verfahren der Risikoeinschätzung benötigten Informationen zu gewinnen. Im Anschluss daran wurde für den 30. September und den 1. Oktober eine zweite Sitzung des AFC-Gremiums einberufen, um die vorliegenden neuen Forschungsergebnisse zu prüfen.

Da weitere Fragen zu behandeln waren, bevor die Risikoeinschätzung der EFSA zu Semicarbazid in Lebensmitteln, insbesondere in Babynahrung, veröffentlicht werden konnte, wurde am 9. Oktober bei einer Sitzung ein größerer Kreis von Sachverständigen, darunter Fachleute für Mikrobiologie und Kinderernährung, an einen Tisch gebracht. An dieser Sitzung nahmen auch Sachverständige des AFC-Gremiums, des Gremiums für Kontaminanten in der Lebensmittelkette und des Gremiums für diätetische Produkte, Ernährung und Allergien teil. Im Rahmen der Sitzung wurden neue Daten geprüft und die Implikationen von Semicarbazid in Babynahrung unter Berücksichtigung ernährungsbezogener und mikrobiologischer Gesichtspunkte erörtert. Im Anschluss an diese Sachverständigenrunde informierte die EFSA die Öffentlichkeit am 15. Oktober 2003 über den aktuellen Stand zum Thema Semicarbazid in Lebensmitteln und dessen Implikationen für die Gesundheit des Menschen.

11. Wie ist der aktuelle Kenntnisstand in Bezug auf Semicarbazid?

Durch die von der EFSA seit Juli in Auftrag gegebenen zusätzlichen Studien konnten wir einige Unklarheiten beseitigen, jedoch bestehen andere noch immer. Insbesondere wissen wir heute, dass Semicarbazid tatsächlich in bestimmten Lebensmitteln vorkommt und nicht lediglich ein Artefakt des analytischen Verfahrens ist. Allerdings gibt es noch immer kein validiertes Verfahren zur Untersuchung von SEM in Lebensmitteln und dieses Problem bedarf näherer Beachtung.

Zwar zeigen die Ergebnisse der von der EFSA in Auftrag gegebenen Untersuchungen, dass Semicarbazid bei einigen Versuchsanordnungen in vitro schwach genotoxisch ist, jedoch besteht weiterhin erhebliche Unsicherheit in Bezug auf SEM, und zwar nicht nur hinsichtlich der Frage, inwieweit der Mensch durch die Ernährung exponiert ist, sondern auch mit Blick auf die möglichen Auswirkungen in vivo. Die am 15. Oktober veröffentlichte Risikoeinschätzung ist die aktuelle Fassung und Untersuchungen, die zu einer umfassenderen Einschätzung der Toxikologie von SEM führen sollen, laufen noch, darunter die Evaluierung der möglichen Genotoxizität von Semicarbazid.

12. Stellt SEM ein Risiko für Verbraucher dar?

Das Risiko für Verbraucher wird von Sachverständigen sowohl für Erwachsene als auch für Kinder als, wenn überhaupt, sehr gering beurteilt. Zwar bestehen zurzeit noch Unsicherheiten mit Blick auf die Risikoeinschätzung, da noch keine vollständigen Daten vorliegen, aber diese Unsicherheiten hängen nur mit der Frage zusammen, wie ein sehr geringes Risiko zu definieren ist. Angesichts des derzeit noch ungesicherten Wissens und der Tatsache, dass Kinder bezogen auf das Körpergewicht dieser Substanz potenziell am stärksten ausgesetzt sind, halten die Sachverständigen es für ratsam, den Gehalt von SEM in Babynahrung zu reduzieren.

15. Ist es sicher, Säuglinge mit Lebensmitteln aus Gläsern zu ernähren?

Experten, die von der EFSA eingeladen wurden, speziell das Problem von Semicarbazid in Babynahrung zu evaluieren, bestätigten, dass es für Verbraucher einschließlich der Kinder keine Gründe gibt, ihre Ernährungsgewohnheiten auf Grund des möglichen Vorkommens von SEM in bestimmten Lebensmitteln umzustellen. Babynahrung in Gläsern wird heute aus Gründen der Bequemlichkeit, Qualität und Lebensmittelsicherheit von vielen Verbrauchern verwendet. Ferner bietet sie einen sehr guten Schutz gegen mikrobiologische Risiken. Angesichts des derzeit noch ungesicherten Wissens kamen Sachverständige zu dem Schluss, dass es klug sei, die Semicarbazid-Exposition so schnell zu mindern, wie es der technologische Fortschritt erlaubt. Sie betonten jedoch auch, dass es nicht ratsam sei, bei Babynahrung Sofortmaßnahmen zu ergreifen, die potenziell andere schädliche Wirkungen auf die Gesundheit von Säuglingen haben könnten.

16. Welche Maßnahmen sollten mit Blick auf die mit SEM verbundenen Risiken

ergriffen werden?

Es werden derzeit bereits Maßnahmen eingeleitet, um die potenziellen Risiken in Zusammenhang mit Semicarbazid in Lebensmitteln anzugehen. Weitere Untersuchungen zum Ursprung von SEM in Lebensmittel sowie zu Aufnahme- und Expositionsmengen und toxikologische Studien laufen bereits. Die Industrie arbeitet zurzeit aktiv an der Reduzierung und, falls möglich, Beseitigung von SEM aus Lebensmittelverpackungen.

Das Gremium der EFSA hat die Industrie aufgerufen, weiter mit Hochdruck an der Lösung dieses Problem zu arbeiten, um die SEM-Konzentrationen zunächst vorrangig in Babynahrung und anschließend auch in anderen Lebensmitteln zu senken.


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